Anspruch und Wirklichkeit

Torsten Graf, 10.08.2013

Anspruch und Wirklichkeit

Es mag nur ein Zufall sein: Auf den Monat genau vor zehn Jahren, im April dieses Jahres, gab der FSV Wacker 03 Gotha bekannt, einen radikalen Kurswechsel vollziehen zu wollen; sportlich, finanziell und personell die Weichen für die Zukunft zu stellen. Rückzug in die Verbandsliga, neuer Vorstand, neue Satzung, ja eine komplett neue Ausrichtung, hat Gothas Traditionsverein, dessen Wurzeln weiter zurückliegen, als Maßnahmen vollzogen. Zehn Jahre nach der Gründung könnte man behaupten: Wacker Gotha steht wieder ganz am Anfang.

Einer, der die zehn Jahre miterlebt hat, geprägt und gestaltet hat wie kein Zweiter, war Holger Gabe. Erst als Manager, später jahrelang als Präsident, bevor er bei der jüngsten Mitgliederversammlung sein Amt an Thomas Fiedler abgab. Gabe erinnert sich noch ganz genau: "Die Frage der Insolvenz stand damals im Jahr 2003 beim SV Wacker 07 Gotha im Raum. Später wurde die Entscheidung getroffen: Gründen wir einen eigenen Fußballverein." Während der Oberligazeit hatte die Fußballabteilung dem Gesamtverein eine Menge Schulden aufgebürdet - Schulden, die der neugegründete FSV Wacker 03 übernehmen musste.

Deshalb billigte kaum jemand dem neuen Verein eine lange Überlebenszeit zu. Es kam anders: Die Schulden wurden weitestgehend abgebaut, und neben sportlichen Erfolgen kam jede Menge Prominenz nach Gotha. 2004 gastierte die Traditionself von Schalke 04 mit Klaus Fischer und Olaf Thon im Volkspark-Stadion. Uwe Bein und Frank Mill machten mit ihrem Bundesliga All-Star-Team Station in Gotha. Die DDR-Nationalmannschaft von 1974 trug in Gotha ein Spiel gegen die Thüringenauswahl aus.

Unvergessen bleibt für Gabe auch die Mini-WM 2006, bei der 4000 Kinder und Jugendliche bei einem Turnier im Vorfeld der WM in Deutschland im Gothaer Stadion waren. Ein Jahr später war Wacker Gastgeber beim Freundschaftsspiel zwischen dem frisch gebackenen Pokalsieger 1. FC Nürnberg und Rot-Weiß Erfurt. Die Franken siegten am Ende 2:0. 2009 fand ein EM-Spiel der U17 zwischen der Türkei und England im Volkspark-Stadion statt. Im selben Jahr unterlag Wacker Gotha Bundesligist Borussia Mönchengladbach in einem Freundschaftsspiel 0:8.

Und es gibt die eigenen Erfolge: Mehrere Jahre spielte Wacker Gotha in der Oberliga, die B-Junioren ein Jahr in der Regionalliga. Mittlerweile steht der Nachwuchsbereich besser da als in Jahren oder gar Jahrzehnten davor. Jüngst wurden die A-Junioren Thüringenmeister. Während dieser zehn Jahre klaffte stets die Lücke zwischen eigenem Anspruch und bestehender finanzieller Mittel. Eine Lücke, die zum Ende hin immer größer wurde - bis der Verein die Reißleine zog. Schon nach der ersten Oberligasaison 2010/11 sollte der Rückzug in die Verbandsliga oder Landesklasse erfolgen. Die Spieler setzten sich damals dafür ein, es dennoch zu wagen. "Es war eine sportliche Entscheidung", sagt Gabe. Der ehemalige Präsident glaubt, dass die Region es versäumt habe, in den Verein zu investieren, um den Sprung in die Regionalliga zu meistern. Denn dort würden - im Gegensatz zur Oberliga - Fernsehgelder gezahlt und die Stadien wären mit den ganzen Traditionsmannschaften auch wieder gut gefüllt. Unter den herrschenden Bedingungen sei die Verbandsliga jedoch das Realistische. Dem neu eingeschlagenen Weg gibt er gute Chancen: "Wenn man unter dem Motto "aus Gotha - für Gotha" konsequent auf den eigenen Nachwuchs setzt, werden sich Stadt und Landkreis wieder mehr mit dem Verein identifizieren." Das wird Holger Gabe jedoch nur noch aus der Ferne beobachten. Seit kurzem ist er Präsident beim SV 09 Arnstadt.

 

Von Sascha Richter


Quelle:TLZ