"Den Super-Gau haben wir längst überlebt"
Torsten Graf, 16.02.2014
Im März startet die Rückrunde in der Fußball-Thüringenliga (1. März) und der Kreisoberliga (16. März). In beiden Klassen gehen Mannschaften des FSV Wacker 03 Gotha an den Start. Viel Hoffnung freilich auf spannende und vor allem erfolgreiche Spiele haben die Fans nicht: Wackers erste Mannschaft hat in der Thüringenliga zur Halbzeit gerade mal sieben magere Punkte auf der Habenseite, während die zweite noch gar keinen Pluspunkt für sich verbuchen konnte. Wir sprachen mit Wacker-Präsident Thomas Fiedler.
Was wäre für Sie am Ende der Saison der Super-Gau?
Hier muss ich gleich vehement widersprechen. Diese Frage zielt allein auf die erste Mannschaft und die zweite ab. Aber ich sitze hier als Präsident von Wacker - und damit vertrete ich wesentlich mehr als die zwei Herrenmannschaften. Und was den Super-Gau betrifft, den hat Wacker längst hinter sich.
Bitte?
Zur Erinnerung: Vor etwa einem Jahr, es war der 3. Januar, saßen wir beisammen und überlegten, ob uns einzig der Gang in die Insolvenz bleibt. Es wurde ernsthaft darüber debattiert, das Buch zuzumachen. Wir hatten kein Geld mehr, die Verbindlichkeiten - nicht gegenüber Banken, aber doch solche, die unseren Lebensnerv betrafen - konnten nur bedient werden, weil privates Geld in den Verein gepumpt wurde.
Und heute sieht es besser aus?
Ein Jahr später sieht die Wacker Bilanz so aus: 15 Mannschaften stehen im Spielbetrieb, davon zwölf Nachwuchsmannschaften, von denen in den einzelnen Altersklassen immer eine Elf in der höchsten Thüringer Spielklasse aufläuft. Angesichts der Situation vor Jahresfrist etwas, worauf man stolz sein kann, meine ich.
Die Nachwuchsarbeit des Vereins stand allerdings nie in der Kritik.
Aber sie muss zunächst gemacht werden. Und dazu bedarf es engagierter Trainer und Betreuer. Mit Klaus Hubold konnten wir zur Komplettierung unseres Teams für unsere A-Junioren einen wahren Glückstreffer landen. Für eine gute Nachwuchsarbeit braucht es aber auch Geld.
Und das hat nun der Verein?
Uns ist es mit der neuen Vorstandsriege gelungen, die erforderliche Basis wiederherzustellen, zum Beispiel im Herbst pünktlich die Zahlungen an den Nachwuchsbereich anzuweisen und auch in den nächsten Wochen wird das Geld für die Rückrunde bereitstehen. Trotz der angespannten Finanzen beschloss der Vorstand, dass Schritt für Schritt auf Vereinskosten alle Trainer eine Lizenz erwerben. Vier haben das bereits erreicht. Mit Horst Bachmann installierten wir im Nachwuchsbereich einen Torwarttrainer, auch diese Kosten haben wir übernommen, weil es Investitionen in die Zukunft sind.
Bleibt die Frage, warum von der hervorragenden Nachwuchsarbeit des Vereins kaum etwas bei den Herrenmannschaften ankommt und warum jene Spieler, die den Weg dorthin schaffen, kurz über lang weggegangen sind?
Da mag es unterschiedliche Gründe geben. Einige Spieler formulierten, dass sie mit dem damaligen Trainer nicht auf einen Nenner kamen. Das will ich nicht kommentieren. Andererseits muss man auch sehen, dass Spieler, die in der Landesliga - oder wie seinerzeit gar in der Oberliga - auf dem Platz stehen, auch bereit sein müssen, sich zu quälen. Das hat aus meiner Sicht bei manchen ein Stück weit gefehlt.
Konnten Sie Spieler zurückgewinnen?
Wir haben im Sommer natürlich versucht, Eigengewächse zurückzuholen. Solche, die gesagt haben, wir kommen, wenn ein neuer Trainer da ist und sich die Verhältnisse geändert haben. Die führten plötzlich ganz andere Argumente ins Feld, warum sie nicht bei Wacker spielen wollen. Doch das ist für mich Schnee von gestern. Unser Ziel muss es sein, die Jungs, die wir jetzt ins kalte Wasser geworfen haben, aber auch die, die in den nächsten Jahren kommen, im Verein zu halten. Und wir können uns auf eine ganze Reihe von Talenten freuen.
Die spielen ja bereits in der ersten Mannschaft. Der Erfolg aber lässt auf sich warten. War es ein Fehler, ein Trainerteam zu installieren, das keine Erfahrungen im Männerbereich hat?
Die Alternative wäre gewesen, zu einem komplett neuen Team einen fremden Trainer zu holen. Die Spieler der ersten Mannschaft verabschiedeten sich reihenweise, weil wir sie finanziell nicht halten konnten. Es war klar, die Mannschaft, die für Wacker in der Landesliga aufläuft, wird eine junge Elf sein, die sich aus dem Kern der A-Junioren rekrutiert. Und Becker ist der Mann, der gemeinsam mit Brychcy diese A-Junioren entwickelt hat. Also sind sie für uns die Richtigen auf diesem Platz.
Sie haben fürs Winterhalbjahr Verstärkung für die Mannschaft avisiert. Der Einkauf von Oleg Oliinyk lässt manchen lächeln. Eine Investition in die Zukunft ist das wohl nicht.
Wir alle wissen, dass Oliinyk in einem Alter ist, wo andere längst die Fußballschuhe an den Nagel gehängt haben. Und er weiß das am allerbesten. Aber er ist ein Spieler, der Ruhe in eine Mannschaft bringen kann, der die Übersicht behält.
Das heißt: Mehr Übersicht gleich weniger Niederlagen?
Dass wir nur mit sieben Punkten dastehen, liegt doch nicht daran, dass unsere Jungs nur müde Kicks abgeliefert haben. In vielen Spielen waren sie richtig gut, mussten aber Gegentore oftmals gegen Ende der ersten oder gleich zu Anfang der zweiten Halbzeit hinnehmen - oder Sekunden vor dem Abpfiff. Es fehlt an Abgeklärtheit und der Ordnung im Spiel über die gesamte Zeit. Natürlich wissen wir, dass Oleg keine zehn Spiele mehr hintereinander über 90 Minuten gehen kann, aber er kann - und davon bin ich überzeugt - uns über die nächsten sechs Monate helfen, indem er das Spiel ordnet und punktuell für Ruhe sorgt. Übrigens hatte er beim Fitness-Test mit die besten Ergebnisse. Oleg schließt eine wichtige Lücke - bis zum Sommer, wo wir sehen müssen, was machbar ist.
Weitere Neuzugänge wurden in Testspielen vorgestellt. Zufrieden?
Ja. Gorf beispielsweise hat den Weg zurück zu Wacker gefunden und er passt voll in unser Konzept. Von Preußen Bad Langensalza werden uns Oliver Zitschke (über 200 Landesklassenspiele), Manuel und Tom Rost verstärken. Tom war, aus meiner Sicht, vor 5 oder 6 Jahren eines der größten Talente, die unser Nachwuchs hervorgebracht hat. Seit einigen Tagen ist klar, in der Rückrunde spielt auch Iskander Ezzine für uns - ein Tunesier, der bislang für Tabarz in der Kreisliga kickte und in zwölf Spielen 15 Buden gemacht hat. Sicher wird er dort fehlen, aber trotzdem Danke an die Verantwortlichen in Tabarz. Ich fand es sehr fair, dass sie ihm keine Steine in den Weg gelegt haben.
Wie beurteilen Sie die sportlichen Aussichten der ersten Mannschaft?
Rechnerisch ist der Klassenerhalt noch zu schaffen. Auch wenn das sehr theoretisch ist, sind wir doch Sportler genug, um genau daran zu glauben und dafür zu arbeiten. Obwohl es natürlich sehr schwer wird, sechs Siege und zwei Unentschieden als Minimum für den Verbleib in der Verbandsliga einzufahren. Die Moral in der Mannschaft stimmt und die wird bis zum letzten Spiel ihr Bestes geben. Wacker gehört in die höchste Thüringer Spielklasse, davon sind wir überzeugt. Führt der Weg dahin über die Landesklasse, ist das nicht das Ende für Wacker, weil wir insgesamt auf einem guten Weg sind. Man muss manchmal ein paar Schritte zurückgehen, wenn man nach Vorne kommen will.
Und wie sieht es mit der Zweiten aus?
Die zweite Mannschaft muss sich ordentlich aus der Kreisoberliga verabschieden, keine Frage. Sie ist und bleibt fester Bestandteil unseres Konzepts. Von der Kreisliga aus muss man den Wiederaufstieg in Angriff nehmen. Sich ordentlich verabschieden heißt aber auch, es darf kein Spiel mehr ausfallen. Muss noch ein Spiel abgesagt werden, würde das das Zurückstufen in die unterste aufstiegsberechtigte Spielklasse bedeuten. Und das wäre in der Tat für uns ein Super-Gau.
Wir bedanken uns für das Gespräch, Herr Fiedler.
Von Klaus Dieter Simmen
Quelle:TLZ