"Der Fußball muss sich von der Vereinsmeierei verabschieden"

Torsten Graf, 24.01.2016

"Der Fußball muss sich von der Vereinsmeierei verabschieden"

Die erste Fußball-Mannschaft des FSV Wacker 03 Gotha hat die Hinrunde in der Staffel 3 der Fußball-Landesklasse als Tabellenführer abgeschlossen. Die Herbstmeisterschaft ist für den Verein ein Erfolg. Aber auch der Nachwuchs liefert Ergebnisse, die im Thüringer Fußball aufhorchen lassen. Vergessen scheint die Zeit, da Wacker offenbar wankte. Die Erste stieg aus der Verbandsliga ab, die Zweite marschierte mit desaströsen Leistungen in die Kreisliga zurück. Kurz vor Jahresende erfreute Wacker-Präsident Thomas Fiedler auf der vereinseigenen Website mit einem kurzweiligen Jahresrückblick, Augenzwinkern inklusive.

Solch ein Jahresrückblick spricht dafür, dass im Verein die Welt in Ordnung ist.

Ja, wir sind wieder da. Aber noch längst nicht dort, wo wir hinwollen. Da könnte ich ja als Präsident aufhören. Es gibt schon noch viel zu tun. Für mich ist wichtig, dass Vereinsarbeit Spaß macht und das haben wir erreicht. Ich meine, Vereinsarbeit - gerade im Fußballgeschäft - ist mehr als die sportliche Seite. Da gehört dazu, dass man auch mal über sich selbst lachen kann, mit Ironie den einen oder anderen Kritikpunkt setzt - und genau das sollte der Rückblick bezwecken.

Blickt der Wacker-Präsident auf ein erfolgreiches Jahr zurück?

Auf alle Fälle. Aber man darf dabei nicht vergessen wo wir herkamen. Für die Nachwuchsarbeit haben wir mit der Stadt Gotha und dem Landkreis schon immer zuverlässige Partner gehabt und konnten in den letzten Monaten neue Förderer hinzugewinnen. Bei den Männern fällt das schwerer.

Kernstück der Arbeit bei Wacker ist ja von je her die Nachwuchsarbeit.

Stimmt, man wäre fast geneigt zu glauben, dieser Punkt ist ein Selbstläufer. Stimmt natürlich nicht. Der Verein hat fähige Übungsleiter, und die sorgen dafür, dass wir ganz vorne mitmischen, wie vor drei oder fünf Jahren auch und mit großer Wahrscheinlichkeit auch künftig. Allein der Blick auf die gegenwärtige Hallensaison zeigt: Große und wichtige Turniere in Thüringen haben Mannschaften aus dem Wacker-Nachwuchs gewonnen. Dabei spielten sie gegen Mannschaften wie Bayern, Hof oder den FC Carl Zeiss Jena. Mit dem Budget, welches wir jährlich in die Jugend investieren, halten andere Vereine ihre Männer in der Thüringen-Liga.

Sehen sie die Männermannschaften als problematisch an?

Hier wird der Erfolg häufig über Geld gesteuert, welches in der Wirtschaft erstmal akquiriert werden will. Vor drei Jahren waren wir aus diesem Grunde mit unserer Ersten nicht mehr wettbewerbsfähig. Christian Gehret und ich haben damals genau gewusst, wohin wir den Verein führen und das wir einen anderen Weg einschlagen wollen. Und uns war klar, das geht nicht hoppla hopp. Wenn man erstmal unten ist, geht's zunächst erst ein ganzes Stück gerade aus, ehe der Weg wieder ansteigt. Dass es nicht rosig aussah um den Verein, hatte aus meiner Sicht auch eine positive Seite: Wir konnten uns festigen, hatten Zeit zu reifen. Rückblickend war das besser als der sofortige Wiederaufstieg in die Verbandsliga. So haben die jungen Spieler erfahren, dass man sich Siege erarbeiten muss.

Die jungen Spieler haben eine beachtliche Entwicklung hinter sich, sie brauchten aber auch Unterstützung?

Natürlich, aber das ist leicht gesagt. Eine Mannschaft, die ihr Leistungsvermögen erst wieder unter Beweis stellen muss, ist für Spieler von außerhalb uninteressant. Deshalb mussten wir erst wieder Erfolge vorweisen, ehe wir mit neuen Spielern erfolgreich verhandeln konnten. Dass wir mit Scheidler und Pufe zwei Eigengewächse mit viel Erfahrung wieder nach Hause holen konnten, freut mich natürlich. Das ist ja ohnehin unser Konzept: eine Mannschaft, die zum größten Teil aus Spielern besteht, die Fußballspielen bei Wacker gelernt haben und deren Herz größer ist als ihre Brieftasche.

Gibt es für die Rückrunde neue Spieler?

Nein, definitiv nicht. Es ist aus meiner Sicht auch nicht nötig. Wir haben eine gereifte Mannschaft, die ihr wahres Leistungsvermögen noch nicht ausgeschöpft hat.

Und wie sieht das für die nächste Saison aus, möglicherweise wieder in der Verbandsliga?

Da laufen natürlich bereits Gespräche. Unsere Wunschkandidaten stehen fest, wir sind in regelmäßigem Kontakt und vielleicht kommt auch noch jemand hinzu.

Das Trainerteam um Hagen Becker war nicht unumstritten. Sieht das heute anders aus?

Hagen Becker und Co. waren und sind die Richtigen. Sie haben die jungen Spieler ausgebildet. Was ihnen von einigen abgesprochen wurde, war die Erfahrung im Männerbereich. Das Trainerteam hat aber genauso gelernt wie die Spieler. Ich behaupte, mit diesem Trainerstab haben wir eines der besten Trainer-Teams in Thüringen. Dies zu entwickeln war möglich, weil wir im Vorstand zu keiner Zeit nervös wurden, weil wir zum Trainer und seinen Mitstreitern auch dann standen, als es nicht rund lief.

Steht Wacker am Ende der Saison auf Rang eins in der Staffel?

Wenn ich das wüsste ... Also, wir hoffen das, weil die Voraussetzungen stimmen und weil alles andere auch nicht unseren Ansprüchen genügen würde. Aber wir wissen auch, klappt's nicht, geht die Welt nicht unter. Wir haben eine junge Mannschaft.

Was wünscht sich der Wacker-Präsident für die Rückrunde?

Zu allererst, dass alle gesund bleiben, dass wir unsere Arbeit kontinuierlich fortsetzen können. Es wird nicht einfach, das weiß ich. Die Gesellschaft verändert sich, und das hat nicht allein mit den Flüchtlingen zu tun. Vor wenigen Jahren noch brachten die Eltern ihre Kinder zum Training und blieben da. Heute werden die Kinder am Stadion abgegeben und erst nach Trainingsende wieder abgeholt. Die Eltern, die am Trainingsplatz dabei sind, kannst du ins Vereinsleben einbinden, wir brauchen die Eltern. Aber es werden weniger. Ich wünsche mir, dass diese Verhältnisse sich nicht noch mehr verschlechtern. Und ich wünsche mir, dass sich der Fußball in Gotha von der Vereinsmeierei verabschiedet. Ich bin davon überzeugt, dass er sich verabschieden muss, will man nicht in der Bedeutungslosigkeit versinken. Um Gotha wieder zu einer Fußballstadt zu machen, gehören die Vereine an einen Tisch. Dies ist kein Wunsch, sondern eine dringend erforderliche Notwendigkeit.

Das würde bedeuten, weit über die Eckfahne des eigenen Platzes hinaus zu denken.

Sogar ganz weit! Aber davor habe ich meinerseits keine Angst. Traditionen sind gut und wichtig, doch gesellschaftliche Entwicklungen im Blick zu haben, ihnen zu begegnen und Lösungen zu finden, bedeutet ja nicht, Traditionen aufzugeben. Sich dem zu stellen ist notwendig - für die Stadt, ihren Fußball und jeden Verein.

Danke für das Gespräch.

 

Von Klaus Simmen