Brauchen eine Neuausrichtung
Torsten Graf, 27.10.2012
Interview mit Holger Gabe, Präsident von Wacker Gotha, über die prekäre Vereinssituation
Vier Niederlagen in Serie, letzter Platz in der Oberliga und zuletzt Disziplinlosigkeiten in Form zweier Roter Karten - der FSV Wacker 03 Gotha rutscht immer weiter in die Krise. Wir sprachen mit Vereinspräsident Holger Gabe über die Ursachen der Misere, über eine sportliche Neuausrichtung und blicken auf das Auswärtsspiel am morgigen Sonntag bei Dynamo Dresden II.
Nach acht Spieltagen steht Wacker Gotha auf dem letzten Platz. Das hätte man sich sicher anders vorgestellt?
Ja mit Sicherheit. Alle tragen in diesem Verein Verantwortung. Und wir sind uns dessen auch bewusst. Es ist natürlich noch nichts verloren. Bis zum fünften Platz sind es fünf Punkte.
Jetzt geht es in die sächsische Landeshauptstadt zur Bundesligareserve von Dynamo.
Da wird es natürlich schwer. Mit Kubirske und Bischof haben uns zwei Spieler, auf die wir bauen und die ich zu Führungsspielern zähle, mit ihren Roten Karten einen Bärendienst erwiesen, und sich selbst mit.
War das Übereifer oder wie ist das zu erklären?
Ich habe mit Stephan Kubirske gesprochen und da spielt auch ein ganzes Stück Frust mit herein, das ist doch ganz klar. Sie wollten alles geben, sie wollten das Spiel gegen Piesteritz auf gar keinen Fall verlieren. Rein intuitiv sehe ich da eine große Verkrampfung in der ganzen Mannschaft.
Braucht es da einfach nur mal einen Befreiungsschlag, dass sie so aufspielen, wie sie es beispielsweise in der zweiten Halbzeit gegen den VfL Halle angedeutet haben, um die Kopfblockade zu lösen?
Wir haben die Spiele ja alle gesehen. Da liegen Welten zwischen den Halbzeiten. Die erste Hälfte gegen Halle war Kreisklasse, da musste man Angst haben, dass sie zur Pause nicht schon 5:0 zurückliegen, und in der zweiten Halbzeit kommen sie wie verwandelt auf den Platz und spielen einen sehr sehenswerten Fußball. Wenn ich das als Präsident mit meinem spärlichen sportlichen Verständnis sehe, sage ich: Da fehlen ein oder mehrere Führungsspieler, die über 30 sind. Und das merkt man.
Hat man sich vor Saisonbeginn vielleicht in bisschen verkalkuliert? Reicht es eben in der Oberliga nicht aus nur mit jungen talentierten Spielern aufzulaufen? Vor zwei Jahren war es ein Bärwolf. Schnuphase konnte das auch noch ausfüllen und Christian Heim hat seine Mannschaft immer lautstark angetrieben. Alle sind sie weg.
Ja sicher. Solche Typen fehlen, aber es gibt natürlich auch die zweite Seite der Medaille und das ist natürlich die wirtschaftlich finanzielle. Und man kann sich mit den zur Verfügung stehenden Mitteln nur das leisten, was da ist. Damit müssen wir arbeiten, wir können nicht zaubern. Ich will auf keinen Fall - und da bin ich schon zu lange dabei - dass Wacker Gotha in eine Zeit zurückfällt, wie das bei der Neugründung der Fall war. Dass wieder viele Schulden angehäuft werden, ist die Sache nicht wert. Da tut sich niemand einen Gefallen mit.
Brodelt es angesichts der Lage gerade im Verein?
Was heißt "brodelt". Wir ziehen schon alle an einem Strang, aber es wird perspektivisch auch personelle Veränderungen geben. Das möchte ich jetzt nicht weiter kommentieren.
Schon in der Winterpause?
Für die kommende Saison.
Zurück zum Wochenende. Dynamo II hat jetzt sechs Spiele in Folge nicht gewonnen. Andererseits gab es letzte Saison in Dresden diese schmerzliche 0:7-Niederlage. Was ist drin?
Im Fußball ist alles möglich. Die zweiten Mannschaften sind und bleiben für mich Wundertüten, ja nach dem, was aus dem Profilager kommt. Bei uns haben jetzt unter Umständen durch den Ausfall von Bischof und Kubirske auch andere Spieler eine Chance sich zu beweisen.
Ein Problem ist seit dieser Spielzeit wieder die zweite Mannschaft. Mit Unterstützung der Alten Herren und der A-Junioren kommen oft gerade so elf Spieler zusammen. Selbst Trainer Frank Schonert muss mit auflaufen. Parallel sitzen auf der Ersatzbank der Ersten sechs Auswechselspieler. Ist dem Verein die Zweite egal?
Ich bin ja jetzt schon zehn Jahre da. Die Situation in der zweiten Mannschaft war mal schlecht, war mal gut, dann war sie wieder mal schlecht und wieder mal gut, und im Moment ist sie natürlich nicht befriedigend. Dem Verein war, ist und wird eine zweite Mannschaft nie egal sein. Aber das hat auch sehr tiefsinnige Gründe. Der ein oder andere Spieler wechselt den Verein, da er den Sprung zu uns in die erste Mannschaft in die Oberliga nicht schafft und dann lieber Landesliga, die meisten sicherlich Landesklasse, spielt, als im Verein zu bleiben. Das ist auch ein Auswuchs aus wirtschaftlicher und finanzieller Sicht. Die Spieler bekommen in der Landesklasse natürlich auch ein paar Euro. Wir können es uns nicht leisten eine zweite Mannschaft zu bezahlen. Wir können es uns ja kaum leisten eine erste Mannschaft zu bezahlen. Deswegen ist die Situation so.
Gibt es Bestrebungen das Problem zu lösen?
Es wird eine Vorstandssitzung im November geben. Ich habe eben kurz angesprochen, dass es nächste Saison personelle Änderungen geben wird und unter Umständen auch eine sportliche Neuausrichtung des Vereins.
Tim Büchner ist zur Spielvereinigung Siebleben gewechselt?
Ja, das habe ich gehört. Das ist genau das, was ich zuvor zum Ausdruck gebracht habe. Die Eigengewächse, die den Sprung in die Oberliga nicht schaffen, oder unter Umständen nicht schaffen wollen, gehen dann zu Siebleben oder nach Ohrdruf.
Was ja schon seit Jahren der Weg für viele bei Wacker Gotha ausgebildete Spieler ist.
Wir können natürlich immer mit dem Finger auf die anderen zeigen und die zwei anderen Finger zeigen auf uns selbst. Das muss in Gotha völlig neu besprochen und völlig neu bedacht werden. Deswegen gehe ich auch davon aus, dass die sportliche Neuausrichtung überfällig ist. Die muss stattfinden.
Von Sascha Richter
Quelle:TLZ