Vom Fußballsport zum Eishockey

Torsten Graf, 17.12.2012

Vom Fußballsport zum Eishockey

Ganz vergessen hat er seine Wurzeln noch nicht. In Fußballerstutzen und kurzen Torwartshorts kommt Rainer Behnke aus der Kabine geschritten. Ansonsten erinnert nicht mehr viel an seine frühere sportliche Karriere. "Eishockey-Ausrüstung ist teuer", sagt er. Zur Not täte es eben auch noch das alte Fußballerzeug, das er unter die neue schwarz-weiße Kluft zieht.

Vielleicht ist es aber auch Ausdruck seiner alten Leidenschaft. Mehr als 20 Jahre lebte Rainer Behnke für den Fußball. Die vergangenen sieben Jahre hütete er als Stammtorwart den Kasten von Fußball-Oberligist Wacker 03 Gotha. Jetzt, mit 27 Jahren, hat der gebürtiger Erfurter noch einmal die Sportart gewechselt. Seit April dieses Jahres geht er für die Ice-Rebells Waltershausen in der Eishockey-Thüringenliga auf Torejagd. Die Entscheidung kam nicht von ungefähr. Schon in Kindertagen war Rainer Behnke vom schnellen Spiel mit Puck, Schlägern und Bodychecks begeistert, spielte im Alter von acht bis zehn zwei Jahre lang.

Dann tat er das, was viele Jungs in diesem Alter tun, wenn sie einen Vereinssport suchen: sie landen beim Fußball, der Sportart Nummer eins in Deutschland. Behnke ist dort "hängengeblieben", wie er selbst sagt, spielte beim Erfurter Verein Grün-Weiß und in seiner Jugend dann beim FC Rot-Weiß, bevor es ihn nach Gotha zog. Abhandengekommen ist aber eine Sache in der ganzen Zeit nie: seine heimliche Leidenschaft für das Eishockey. Vergangenen März war es dann soweit. Fußballtorwart Behnke hatte gerade eine monatelange Verletzung überstanden und eigentlich nur zum Spaß bei einem Hockeyspiel mitgemacht. "Da ist bei mir wieder etwas aufgeflammt", sagt er. Chris Schubert, Spieler bei den Ice-Rebells Waltershausen, nahm Behnke daraufhin mit zum Training. "Da hatte ich endlich wieder Blut geleckt", erinnert sich der 27-jährige.

Kurz darauf teilte er seinem Trainer Holger Bühner die Entscheidung mit, auch damit die Verantwortlichen bei Wacker Gotha Planungssicherheit für die kommende Spielzeit haben. Denn Behnke ist keiner, der sich einfach so aus dem Staub macht und dem das Schicksal seines Vereins egal ist. Anstand und Verlässlichkeit zeichneten ihn bei Wacker Gotha aus. Egal was im Vereinsumfeld passierte, wie viele Spieler zu Saisonende den Verein verließen und wie viele neue kamen - auf eins konnten sich die Fans immer Verlassen: auf einen festen Tormann, der kontinuierlich und souverän seine Leistung abruft und auf den Namen Rainer Behnke hört. Fehler hatten bei ihm seltenheitswert, Ausraster waren ihm fremd. "Wenn wir Spiel hatten, habe ich vorher nichts anderes gemacht, sondern war immer voll auf meine Aufgabe fokussiert."

Seine Verabschiedung von Wacker und vom Fußball hatten aber noch andere Gründe. Beruflich hat sich Behnke vor kurzem selbständig gemacht. Viermal die Woche Training plus Punktspiel am Wochenende sind da zur Last geworden. Aber auch die lange Zeit auf dem Fußballplatz hat an ihm genagt: "Nach 20 Jahren habe ich mich irgendwie leer gefühlt." Zudem gab es die angespannte Lage bei Wacker Gotha. Im Sommer 2011 wusste niemand so recht, wie es beim Oberligisten weitergehen würde. Per Kraftakt wurde damals ein weiteres Jahr in dieser Spielklasse beschlossen - unter bedenklichen personellen und finanziellen Voraussetzungen. Der Ansporn ging Behnke irgendwann verloren. Dennoch habe er sich im Guten und Reinen von Wacker getrennt: "Ich hatte immer ein gutes Verhältnis zu Holger Bühner", beteuert Rainer Behnke.

Seit Oktober nun, seitdem die neue Saison in der Thüringenliga begonnen hat, schlittert der ehemalige Torwart für die Waltershäuser Rebellen über das Eis der Halle am Gleisdreieck. Nicht nur Sportart und Umfeld haben sich geändert. Hatte Behnke früher Treffer gegen seinen Verein noch verhindert, geht er für die Rebells jetzt selbst auf Torejagd. Und das durchaus mit Erfolg. Im Heimspiel gegen den MEC Halle Ende November siegte Waltershausen klar mit 11:4. Torschütze zum zwischenzeitlichen 8:2 war der Spieler mit der Nummer 72: Rainer Behnke. "Meine Mannschaftskollegen haben sich sehr für mich gefreut", sagt Behnke, der aber auch schon als Fußballer im Training gern mal aufs Tor schoss. Mit der Umstellung kommt er mittlerweile ganz gut zurecht, auch wenn Eishockey viel dynamischer, härter und schneller sei als Fußball.

Wie es weitergeht, steht für Behnke fest. Seine zweite sportliche Karriere findet auf dem Eis statt, "solange es der Körper mitmacht", sagt er und geht wieder in die Kabine seines neuen Vereins. Über Fußballerstutzen und Torwartshorts muss er noch die schwarz-weiße Eishockeykluft ziehen.


Von Sascha Richter


Quelle:TLZ